Gender and radicalisation in the phenomenon of islamism in the age of new media: A project report: Geschlecht und Radikalisierung im Phänomenbereich Islamismus im Zeitalter neuer Medien: Ein Projektbericht
Introduction: The rising number of returnees from IS-controlled territories in Syria and Iraq poses significant challenges for Europe, particularly regarding female returnees and their children. Methods: This study employed a multidimensional, mixed-methods approach, including literature reviews, an...
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| Format: | Electronic Article |
| Language: | German |
| Check availability: | HBZ Gateway |
| Interlibrary Loan: | Interlibrary Loan for the Fachinformationsdienste (Specialized Information Services in Germany) |
| Published: |
2025
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| In: |
Spiritual care
Year: 2025, Volume: 14, Issue: 2, Pages: 161-174 |
| Further subjects: | B
Islamism
B religiously motivated (de)radicalisation B Social media B female returnee B Violent Extremism |
| Online Access: |
Volltext (lizenzpflichtig) Volltext (lizenzpflichtig) |
| Summary: | Introduction: The rising number of returnees from IS-controlled territories in Syria and Iraq poses significant challenges for Europe, particularly regarding female returnees and their children. Methods: This study employed a multidimensional, mixed-methods approach, including literature reviews, an online survey, and interviews with experts to explore the psychological and social factors influencing the radicalisation of women and their reintegration difficulties. Results: Key findings indicate that group dynamics, especially psychological and social factors, family processes, stigmatisation, and pre-existing trauma are significant risk factors for radicalisation and obstacles to reintegration. Discussion: Providing care for female returnees and their children requires long-term, cross-state, low-threshold counselling and therapy services to address this group’s needs and challenges. These services are essential for facilitating their reintegration while preventing re-radicalisation. Therapeutic interventions should be used to reduce the potential transgenerational transmission of trauma. The stress and traumatic experiences that children of female returnees frequently endure, both in war zones and upon their return, should be identified and addressed. Anti-Muslim racism and the resulting stigmatisation of individuals based on their religious beliefs, as identified and confirmed by our surveys, remains a challenge for our society. Einleitung: Die Radikalisierung und Rekrutierung durch islamistische Gruppierungen stellen eine zunehmende gesellschaftliche Herausforderung dar. Während der Forschungsfokus lange Zeit überwiegend auf männlichen Radikalisierungsprozessen lag, rücken inzwischen auch Frauen und deren spezifische Dynamiken verstärkt in den Blick der Forschung - dennoch besteht weiterhin ein Mangel an geschlechtersensiblen Ansätzen in Prävention und Praxis. Insbesondere in digitalen Räumen treten Frauen verstärkt als aktive Akteurinnen extremistischer Inhalte in Erscheinung. Das Projekt "Geschlecht und Radikalisierung im Phänomenbreich Islamismus im Zeitalter moderner Medien (GeRaMed)" untersucht, inwiefern soziale Isolation, Diskriminierung und digitale Dynamiken Radikalisierungsprozesse begünstigen. Im Zentrum dieses Projektes stehen Rückkehrerinnen aus Syrien und dem Irak und die Frage, welche spezifischen Herausforderungen und Ressourcen den Radikalisierungs- und Deradikalisierungsprozess beeinflussen. Ziel ist es, praxisrelevante Impulse für geschlechtersensible Prävention und Beratung zu entwickeln., Methodik: Das Projekt folgte einem multidimensionalen Mixed-Methods-Design, das Theorie und Praxis verbindet. Zunächst wurde von Januar bis April 2023 eine systematische Literaturrecherche in folgenden Datenbanken durchgeführt: PsycINFO, PubMed, PsycIndex JSTOR und ergänzend Google Scholar. Der Fokus lag auf psychologischen, sozialen und geschlechterspezifischen Risiko- und Schutzfaktoren, biografischen Hintergründen weiblicher Rückkehrerinnen sowie auf Themen wie Verschwörungserzählungen und Nasheeds im Radikalisierungskontext. Darauf aufbauend erfolgte zwischen Juli und November 2023 eine Online-Befragung von 21 Fachkräften aus zivilgesellschaftlichen und staatlichen Beratungsstellen mittels teilstandardisierter Fragebögen. Die Ergebnisse dienten als Grundlage für narrative Interviews mit Fachkräften aus dem Beratungskontext. Die Interviews wurden transkribiert, kontextanalytisch nach Kuckartz (2009) ausgewertet und hinsichtlich der Interrater-Reliabilität geprüft (Cohen’s K = 0,70-0,74)., Ergebnisse: Die Literaturauswertung zeigt, dass die Forschung zu weiblichen Rückkehrerinnen bislang oft begrenzt ist. Viele Studien weisen kleine Stichproben und methodische Schwächen auf. Die analysierten Rückkehrerinnen waren meist jung (Ø 25 Jahre), hatten häufiger ein geringes Einkommen, eine niedrige Erwerbstätigkeit und instabile familiäre Verhältnisse. Geschlechtsspezifische Unterschiede zeigten sich auch in der strafrechtlichen Verfolgung: Frauen erhielten häufig mildere Strafen als Männer, was teils auf stereotype Rollenbilder zurückgeführt wird. Psychische Belastungen, Traumata und Diskriminierungserfahrungen wurden als mögliche Risikofaktoren identifiziert. Zudem spielen Verschwörungsnarrative und propagandistische Inhalte, wie sie z.B. von Nasheeds genutzt werden, eine Rolle in Radikalisierungsprozessen. In der Online-Befragung der Fachkräfte wurden verschiedene Motive für die Radikalisierung und Ausreise der Frauen deutlich. Neben Identitätsfragen, Diskriminierungserfahrungen und dem gesellschaftlichen Wunsch nach Zugehörigkeit spielte auch ein häufig zerrüttetes familiäres Verhältnis eine zentrale Rolle. Die größte Bedeutung für die Rückkehrentscheidung hatte die Desillusionierung bezüglich der Gegebenheiten im Ausland und Kriegserfahrungen. Die Interviewauswertung lieferte weiterführende Einblicke in die Lebensrealitäten der Frauen sowie die Herausforderungen im Deradikalisierungsprozess und in der Beratungsarbeit. Viele Frauen wuchsen unter prekären Bedingungen auf, erlebten verschiedene kritische Lebensereignisse und hatten teilweise schon vor der Ausreise mit psychischen Problemen zu kämpfen. Ihre Erzählungen zeigten, dass sie sich aktiv für die Ausreise entschieden hatten. Nach der Rückkehr litten sie häufig unter psychischen Belastungen, insbesondere traumatischen Erfahrungen, sozialer Isolation und Stigmatisierung. Fachkräfte betonten den hohen Unterstützungsbedarf, auch für die betroffenen Kinder, um eine Re-Radikalisierung auch im Blick auf folgende Generationen zu verhindern., Diskussion: Die Untersuchungen zeigen, dass es kein spezifisches Persönlichkeitsprofil oder eine bestimmte Kombination von Merkmalen gibt, die eine Radikalisierung eindeutig erklären können. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit der bestehenden empirischen Literatur. Allerdings konnten einige Faktoren identifiziert werden, die den Radikalisierungsprozess insbesondere bei weiblichen Rückkehrerinnen beeinflussten. Zu den häufig genannten Faktoren gehörten der Einfluss von (männlichen) Bezugspersonen auf die Entscheidung der Frauen, in Konfliktgebiete zu reisen sowie familiäre Konflikte und Ablehnungserfahrungen, sowohl innerhalb der Familie als auch in der Gesellschaft. Die Abwesenheit einer Vaterfigur, konfliktbelastete Mutter-Tochter-Beziehungen und frühe Trennungen von der Familie wurden als Risikofaktoren für die Radikalisierung beschrieben. Weitere Einflussfaktoren waren die Suche nach Identität, Gruppenaffiliation sowie Lebenskrisen und psychische Belastungen. Die Recherchen zeigen, dass soziale Medien eine bedeutende Rolle in der Radikalisierung der Frauen spielten. Zu Beginn des Radikalisierungsprozesses konsumierten viele die Inhalte eher passiv. Im Verlauf nahmen die Frauen jedoch oftmals eine aktive Rolle in den sozialen Medien ein, verbreiteten Propaganda, teilten persönliche Bilder und ermutigten andere, dem Kalifat beizutreten. Trotz dieser Feststellung zeigte die Untersuchung, dass insbesondere die direkten sozialen Kontakte mit bereits radikalisierten Individuen für die Frauen eine entscheidende Rolle spielten, vor allem bei der Frage der Ausreise. Diese Erkenntnis deutet darauf hin, dass tiefergehende Analysen sozialer Netzwerke, wie zum Beispiel Netzwerkanalysen, notwendig sind, um den Einfluss sozialer Medien auf die Radikalisierung besser zu verstehen. Ein weiteres zentrales Thema war die Kritik an der Unterschätzung der Rolle der Frauen. Viele von ihnen hatten eigene Motivationen für ihre Ausreise, die über den Einfluss von Männern hinausgingen. Die Frauen waren in militante Aktivitäten eingebunden und spielten wichtige Rollen in sozialen Netzwerken, unter anderem bei der Verbreitung von Propaganda und der Beschaffung von finanziellen Mitteln. Die Erfahrungen von Diskriminierung und das Gefühl von Ungerechtigkeit spielten eine wichtige Rolle bei ihrer Entscheidung auszureisen und verstärkten ihre Bindung an die muslimische Gemeinschaft, insbesondere in Bezug auf den syrischen Konflikt. Diese Erlebnisse führten zu einem Gefühl der Entfremdung vom Westen und stärkten dualistische Ideologien, die ‚uns‘ gegen ‚sie‘ stellten. Bei der Rückkehr nach Deutschland berichteten viele Frauen von Traumata und psychischen Belastungen, die ihre Reintegration und den Deradikalisierungsprozess erschwerten. Ein Mangel an psychotherapeutischer Behandlung, insbesondere aufgrund von langen Wartezeiten und unzureichender Fachkenntnis im Bereich islamistischer Radikalisierung, erschwerte sowohl den Heilungs- als auch den Deradikalisierungsprozess. Die oftmals mangelnde Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, insbesondere mit traumatischen Erfahrungen und Beziehungen, wurde als hinderlich für den Deradikalisierungs- und Reintegrationsprozess identifiziert. Die Herausforderungen in der Reintegration und die Gefahr einer Re-Radikalisierung hoben die Bedeutung einer langfristigen, ganzheitlichen Unterstützung hervor, die über die Inhaftierung hinausgeht. Ein umfassender Ansatz, der neben Beratung auch psychotherapeutische Unterstützung und soziale Integration umfasst, ist entscheidend, um eine erfolgreiche Deradikalisierung und Reintegration zu gewährleisten. Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei auf die Mutter-Kind-Beziehung gelegt werden, da diese für den weiteren Verlauf der Reintegration und den Schutz vor Re-Radikalisierung sowie die transgenerationale Weitergabe von Traumata von großer Bedeutung ist. |
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| ISSN: | 2365-8185 |
| Contains: | Enthalten in: Spiritual care
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| Persistent identifiers: | DOI: 10.1515/spircare-2024-0057 |