Die Pädagogik Elie Wiesels: uns menschlicher machen

Die Pädagogik Elie Wiesels lässt sich nicht nur in seinen Schriften, sondern besonders auch in seiner Lehre an der Universität entdecken. Schüsselelemente seiner pädagogischen Methode, so wie sie in seinen Seminaren an der Boston University seit den 1980er Jahren wahrgenommen werden konnte, liefern...

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Bibliographic Details
Main Author: Kanofsky, Joseph A. (Author)
Format: Electronic Article
Language:German
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Published: 2017
In: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext
Year: 2017, Issue: 1/2, Pages: 70-74
Online Access: Volltext (kostenfrei)
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Description
Summary:Die Pädagogik Elie Wiesels lässt sich nicht nur in seinen Schriften, sondern besonders auch in seiner Lehre an der Universität entdecken. Schüsselelemente seiner pädagogischen Methode, so wie sie in seinen Seminaren an der Boston University seit den 1980er Jahren wahrgenommen werden konnte, liefern hilfreiche Einsichten dazu, wie ein säkular geprägtes Seminar auf tief verwurzelte religiöse Elemente zurückgreift, um Studierenden zu ermöglichen, ihr Potenzial als menschliche Wesen wahrzunehmen – unabhängig von den Unterschieden ihres religiösen Hintergrunds und ihrer religiösen Vorlieben. Jede dieser Strategien (und die Aufzählung ist keinesfalls erschöpfend) beruht auf der eigenen religiösen und kulturell-religiösen Erfahrung Elie Wiesels und wandelt sich von einem religiösen in ein säkulares Element. Dennoch lässt es spirituelle Empfindungen bei Studierenden entstehen, die dafür offen und bereit sind, sich auf diese Ebene einzulassen. Das Erstaunlichste dabei ist: Obwohl Wiesels eigene Erfahrung und Identität tief im Judentum verwurzelt waren, fand seine Lehre Resonanz bei Studierenden mit sehr unterschiedlichem religiösen Hintergrund, ebenso bei solchen ohne oder mit nur schwach ausgeprägter religiöser Zugehörigkeit, ja selbst dann, wenn es keinerlei entsprechende Bindung gab. Im Folgenden möchte ich mich kurz mit vier Elementen der Pädagogik Elie Wiesels befassen: der Bedeutung der persönlichen Begegnung, dem Fragen und Diskutieren als Forschungsmethode, dem Gewicht von Geschichten und schließlich der paradoxen Wirkung, die Wiesels tief verwurzelte jüdische Identität und sein Selbstverständnis auf sein pädagogisches Engagement als Lehrer der Geisteswissenschaften hatten. Begegnung Elie Wiesel lehrte unter anderem am City College von New York, an der Universität Yale und am Eckerd College, seine längste Lehrtätigkeit war allerdings die als Andrew W. Mellon-Professor in the Humanities an der Boston University. Wiesel begann seine Lehrtätigkeit in Boston im Jahr 1976 und lehrte bis 2011. In vielen dieser Studienjahre hielt er zwei Lehrveranstaltungen, die mit Literatur der Erinnerung betitelt waren und im Untertitel auf spezifische Inhalte verwiesen. Diese Seminare mit eingeschränktem Teilnehmerkreis waren an der Boston University in verschiedenen Studiengängen angesiedelt: als Kurse an der Philosophischen Fakultät (Liberal Arts) für fortgeschrittene Studenten vor dem Abschlussexamen, als Kurse an der Theologischen Fakultät (School of Theology) und im Bereich der sog. University Professors Program courses. Diese vielfältige Zuordnung machte es möglich, dass Studierende eines Verbunds von theologischen Ausbildungsstätten vor Ort, darunter Harvard Divinity, Episcopal Divinity und Andover-Newton, die Lehrveranstaltungen Elie Wiesels belegen konnten. Unter den Studenten Wiesels waren Laien und Ordinierte, Juden, Katholiken, Protestanten, Hindus, Buddhisten und vermutlich nicht wenige Agnostiker. Wiesel selber lehnte es ab, sich irgendeiner der Hauptströmungen des amerikanischen Judentums zuzuordnen – er war zwar Mitglied einer orthodoxen Synagogengemeinde, bekannte sich aber weder zum Reformjudentum, noch zur konservativen, orthodoxen oder zur »rekonstruktionistischen« Strömung. Dagegen hängte er sich mit Stolz den Mantel des Chassiden um. Das traf in mehrfacher Hinsicht zu. Durch seine Herkunft und die Erziehung in mütterlicher Linie war er ein Nachfahre der volkstümlichen, mystischen, erfahrungsbezogenen und bisweilen selbst den Gedanken der Wiedergeburt einschließenden Bewegung im osteuropäischen Judentum des 18. Jahrhunderts, die die innere Haltung, Frömmigkeit, Güte und Aufrichtigkeit zu erstrangigen religiösen Ausdrucksformen erhob; gleichzeitig hielt sie die Loyalität zur religiösen Praxis aufrecht und widmete sich ihr sogar mit größerer Intensität. Wiesel ließ oft die Lieder und Geschichten lebendig werden, die ihm sein Großvater mütterlicherseits beigebracht hatte, ein angesehener Chassid aus einer Untergruppe der Wiznitzer Bewegung. In einer späteren Lebensphase nahm er für sich die fortdauernde Identität als Wiznitzer Chassid in Anspruch und fügte hinzu, »…aber der Lubavitcher Rebbe ist mein Rebbe«. (Ein Rebbe ist der charismatische Führer einer chassidischen Gemeinschaft, oft durch die geographische Herkunft der Gruppe identifiziert. Die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft kann ebenfalls geographisch oder kulturell bestimmt sein. Dagegen studieren die Anhänger eines bestimmten Rebbes die Lehre dieses besonderen Rebbe. Ihr religiöses Leben ist eine Resonanz der besonderen Vorgaben, des speziellen Rhythmus, die dieser jeweilige Rebbe verkörpert.) Man kann die zentrale Bedeutung der persönlichen Begegnung in dem chassidischen Modell von Führung, für das der Rebbe steht, nicht hoch genug einschätzen. Man hat ihn als »spirituellen Ratgeber« (Zalman Schacter), als mystischen Wundertäter (satirisch dargestellt in I.J. Singers Yoshe Kalb), als charismatischen Vermittler zu Gott beschreiben, der selbst über das Grab hinaus Zauberei erleichtern kann (Nachman von Bratzlaw), sogar als exemplarisches Vorbild des Gelehrten (Schneur Zalman von Liadi). Die Begegnung von Angesicht zu Angesicht zwischen Chassid und Rebbe, zwischen Anhänger bzw. Jünger und spirituellreligiösem Führer, ist in der chassidischen Weltsicht entscheidend. Sie kann extrem kurz sein, sich aber auch über ein ganzes Leben erstrecken. Sie kann höchst persönliche Ratschläge und Führung in spirituellen, aber auch weltlichen Angelegenheiten umfassen.
ISSN:2751-2959
Contains:Enthalten in: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext
Persistent identifiers:DOI: 10.25786/cjbk.v0i01-02.639