Flüchtlingsprobleme

. Flüchtlinge (F.) sind Personen, die aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rel., ihrer polit. Überzeugung oder ihrer ethnischen Herkunft ihre Heimatregion oder das eigene Land verlassen. In jüngerer Zeit wird auch geschlechtsspezifische Verfolgung als Fluchtgrund anerkannt. Sind Flucht...

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Main Author: Münz, Rainer 1954- (Author)
Format: Electronic Dictionary entry/article
Language:German
Check availability: HBZ Gateway
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Published: 2015
In: Religion in Geschichte und Gegenwart online
Year: 2015
Online Access: Volltext (lizenzpflichtig)
Volltext (lizenzpflichtig)
Description
Summary:. Flüchtlinge (F.) sind Personen, die aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rel., ihrer polit. Überzeugung oder ihrer ethnischen Herkunft ihre Heimatregion oder das eigene Land verlassen. In jüngerer Zeit wird auch geschlechtsspezifische Verfolgung als Fluchtgrund anerkannt. Sind Flucht oder Ausreise gewaltsam erzwungen, spricht man von Vertriebenen (V.) oder Deportierten. Personen, die in ein anderes Land flüchten, haben dort nach der Genfer Flüchtlingskonvention im Prinzip Anspruch auf Asyl oder Prüfung des Asylbegehrens. Bis zur Klärung ihres Status gelten sie als Asylbewerber (A.). Bleiben F. im eigenen Land, dann handelt es sich um Binnen-F. oder Binnen-V. Zur so bestimmten Klasse der F. zählen also die sog. Wirtschafts-F. nicht. Beispiele für Flucht und Vertreibung finden sich schon im AT und NT (z.B. Babylonisches Exil 597–538 v.Chr.; 2Kön 24,25; Esr 5,6,12; Flucht der Hl. Familie nach Ägypten Mt 2,13). F. und Verfolgten an hl. Orten Asyl zu gewähren, gehört zur Tradition etlicher Rel. Daraus entstand auch das Kirchenasyl. Hist. spielten im MA und in der Neuzeit zuerst Rel.-F. eine Rolle. Beispiele sind die Flucht von Christen vor den Osmanen, die Vertreibungen von Moslems und Juden während der Reconquista, die Emigration der Hugenotten aus Frankreich, der Salzburger Protestanten (Salzburger Emigranten) sowie der Angehörigen prot. Freikirchen nach Nordamerika. Seit der Französischen Revolution 1789 gewann die Flucht aus polit. Gründen an Bedeutung. Zuerst betraf dies die franz. Aristokratie, später die Anhänger Napoleons, nach 1815 Liberale und Republikaner, ab 1848/49 auch Sozialisten. G.Büchner in Zürich, H.Heine in Paris und K.Marx in London sind prominente F. des 19.Jh. Auch Protagonisten der 1848er Revolution mußten ins Ausland gehen. Nach der Oktoberrevolution flohen 1917–1921 fast 1,5 Mio. Menschen aus Rußland. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und der Sieg der Faschisten in Spanien machten Gegner beider Regime zu polit. F. Seit den 50er Jahren kamen polit. F. v.a. aus kommunistischen Ländern (Ostmitteleuropa, Vietnam, VR China, Kuba), aus Diktaturen (z.B. Irak) und aus Ländern mit syst. Menschenrechtsverletzungen (z.B. Algerien, Haiti, Türkei). Der Aufstieg des Nationalismus im späten 19.Jh. führte zur Verfolgung von Menschen wegen ihrer ethnischen oder ethno-rel. Herkunft. Beispiele sind die staatlich gelenkten Pogrome im zaristischen Rußland und der türkische Genozid an den Armeniern. Nach 1918 förderte die Entstehung von Nationalstaaten auf ethnischer Grundlage die Unterdrückung und Vertreibung der Angehörigen von Minderheiten. Während der Zeit des Nationalsozialismus und des Stalinismus kam es zur erzwungenen Umsiedlung, Vertreibung und Ermordung von Mio. von Menschen aufgrund ihrer ethnischen, rel. oder sozialen Herkunft. Rund 400 000 Juden und polit. Emigranten flüchteten 1933–1941 aus dem Dt. Reich (einschließlich Österreich); 8,5 Mio. Zwangsarbeiter wurden 1940–1945 nach Deutschland verschleppt und 475 000 Volksdeutsche umgesiedelt. Der Ausgang des 2. Weltkriegs und die nachfolgende Verschiebung der Grenzen in Mittel- und Osteuropa machten erneut eine große Zahl von Menschen zu F. und V., darunter 12 Mio. Deutsche und 1,5 Mio. Polen. Beträchtliche F.-Ströme löste 1948 auch die Gründung Indiens und Pakistans sowie des Staates Israel aus. Ursache der größten Flüchtlingsströme seit 1950 waren die Bürgerkriege in Afghanistan, Angola, Bosnien, Burundi, Kosovo, Moçambique, Ruanda, Somalia, Sri Lanka, Sudan und Südafrika.
ISSN:2405-8262
Contains:Enthalten in: Religion in Geschichte und Gegenwart online
Persistent identifiers:DOI: 10.1163/2405-8262_rgg4_SIM_07700